Juni 1925
Montag
08

Aufbruch ins Ungewisse - Tagebuch von Máire Flanagan

„Matthew, jetzt versteifen Sie sich doch nicht so auf dieses stinkende Fleisch.“ Angeheitert von dem Alkohol, den wir uns genehmigten, sprach Charles das aus, was wohl einige von uns bereits gedacht hatten. Die Falle aus Corned Beef für die abstoßenden Kreaturen, die uns um unsere Nachtruhe brachten, zeigte leider keinerlei Wirkung. Auch Lesleys Vorschlag war wenig hilfreich – natürlich wollte er wieder einmal alles, das uns die Quere kam, mit seinem geliebten Dynamit in die Luft sprengen. Glücklicherweise konnten wir ihm die Idee ausreden, schließlich bestand unser Refugium aus trockenen Holzbalken, die bei dem kleinsten Funkenschlag sicherlich rasend schnell Feuer gefangen hätten.

Also beschlossen wir, weiterhin die Stellung zu halten und auf den Sonnenaufgang zu warten. Unsere Hoffnung war es, dass die nachtaktiven Kreaturen bei den ersten Sonnenstrahlen die Flucht ergreifen würden. Die nächste Wache übernahmen Lesley, Matthew und Charles, während wir anderen uns in die Betten begaben. Es kam mir so vor, als sei ich gerade erst eingeschlafen, als Charles‘ aufgeregte Stimme mich weckte. Schlaftrunken wankten wir ihm hinterher auf den Außengang des Hochsitzes, den merkwürdigen tierartigen Geräuschen und dem Stimmengewirr unserer Gefährten folgend. Ich traute meinen Augen kaum, als ich sah, was da aus nördlicher Richtung auf uns zugestürmt kam: Ein rasendes Nashorn, wütend schnaubend, getrieben von einer Horde der widerlichen Viecher. Sie heulten so wütend und klagend, dass ich mir am liebsten die Finger in die Ohren gesteckt hätte, um es nicht länger ertragen zu müssen. Ihr Plan war offensichtlich: Das massige Nashorn sollte einen Pfeiler des Hochsitzes rammen, um uns in die Tiefe zu stürzen –  wo sie wer weiß was mit uns anstellen wollten.

„Die Frage nach der Intelligenz dieser Dinger stellt sich jetzt wohl nicht mehr“, meinte Rosie trocken, während Lesley und Charles ihre Gewehre abfeuerten. Als die ersten zu Boden gingen, stoben ihre Artgenossen auseinander und das Nashorn verschwand lautstark im Unterholz. Unsere Erleichterung war beinahe mit Händen zu greifen, und als kurz darauf die ersten orangen Streifen am Himmel über der Savanne erschienen, schöpften wir wieder neue Hoffnung, dass wir die Nacht unversehrt überstehen würden. Dennoch schien es beängstigend still um uns herum. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, kochte ich für alle einen starken Kaffee. Während wir über die Unverantwortlichkeit des Colonels schimpften, der uns ohne eine Warnung vor den drohenden Gefahren zurückgelassen hatte, stieg die Sonne höher am Horizont. Bald schon ging die Diskussion heiß her, denn es galt, über unsere Pläne für den nächsten Tag zu entscheiden. Sollten wir zurück ins 40 Kilometer entfernte, aber sichere Camp laufen? Würden wir den Marsch durch die brütende Hitze überstehen? Sollten wir in dem näher gelegenen Dorf des Boyoyava-Stammes um Zuflucht bitten, über den wir jedoch kaum etwas wussten? Oder sollten wir bei dem Hochsitz bleiben und auf den stummen Joe warten, der im Laufe des Tages mit seinem Motorrad kommen würde – aber niemanden von uns würde mitnehmen können? Letztendlich stimmten wir ab. Es war eine knappe Entscheidung, doch wir packten unsere Habseligkeiten zusammen, um zu den Boyoyava aufzubrechen.

Im Rückblick erscheinen mir die folgenden Ereignisse wie die Ironie des Schicksals: Wir hatten es alle eilig, endlich von dem Hochsitz herunterzukommen und Charles war der erste, der wohl etwas zu übermütig den Baum hinunterkletterte. Dabei rutschte er ab, fiel mehrere Meter in die Tiefe und schlug hart auf dem Boden auf. Irgendjemand rief noch: „Charles, ist alles in Ordnung?“, doch ich hatte genug gesehen. Beherzt griff ich nach dem nächsten Ast und rutschte den Baumstamm hinab. Das sah wohl wenig damenhaft aus, noch dazu schrammte ich mir Arme und Beine auf. Glücklicherweise reichten meine Erste-Hilfe-Kenntnisse, um festzustellen, dass der waghalsige Brite sich keine Knochenbrüche zugezogen hatte. Leidglich seine Prellungen würden ihm wohl noch einige Tage zu schaffen machen. Unsere Gefährten stellten sich beim Abstieg deutlich geschickter an, indem sie sich die Überreste der Strickleiter, ein Seil sowie Felle als Polsterung zu Nutze machten.

Mit seinem ausgezeichneten Orientierungssinn führte Tom uns nun hinunter zum nahegelegenen Fluss, dessen schmutzig-braunes Wasser hoch am Ufer stand. Auf unserer Wanderung flussabwärts entdeckten wir immer wieder Tiere, die sich jedoch ausgesprochen friedlich verhielten. Mir fiel auf, dass Lesley tief in Gedanken zu sein schien. Nach einiger Zeit ließ er uns an seinen Grübeleien teilhaben: Er vermutete, dass es sich bei den kinderähnlichen Kreaturen um sogenannte Ghule handeln könnte, mystische Wesen, die sich – wie er sich ausdrückte – aus dunkler Energie formten. Es sei typisch für sie, dass sie die Überreste von Leichen verspeisten und übergroße Kiefer besäßen. Unsere düsteren Überlegungen wurden jäh unterbrochen, als Charles rief: „Haben Sie das gesehen?“ Wir blickten in die Richtung, in die er mit ausgestrecktem Finger deutete, und entdeckten einen nackten Fuß, der hinter einem Felsen auf dem Boden hervorragte. Es stellte sich heraus, dass der zunächst skurril anmutende Anblick Teil einer Totenstätte zu sein schien. Wer die Erde rund um einige der Steinhaufen herum aufgewühlt hatte, konnten wir uns denken. Schaudernd schoss ich ein paar Fotos, bevor wir unsere Reise fortsetzten.

Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, als wir endlich das Eingeborenen-Dorf erreichten. Etwa zwei Dutzend Hütten, deren Dächer mit Blättern und Pflanzen bedeckt waren, zählte ich. Auf dem zentralen Platz befand sich eine Feuerstelle und es herrschte reges Treiben. Die Dorfbewohner trugen eine merkwürdig anmutende Mischung aus traditioneller und moderner Kleidung. Um unsere friedlichen Absichten zu bekunden, begannen wir, wie wild zu winken. Auf einmal kam eine neue Art der Bewegung ins Dorf, man hatte uns entdeckt. Aus einer besonders großen Hütte trat ein prächtig gekleideter Mann hervor, der gemessenen Schrittes auf uns zumarschiert kam. Eine lange Prozession Boyoyava folgte ihm auf den Fuß. Allesamt schnatterten sie in einer für uns unverständlichen Sprache miteinander, zeigten mit den Fingern und musterten uns neugierig. Als der Mann bei uns angekommen war, brachte er die Meute mit einer einzigen Geste zum Schweigen. Es schien sich um den Stammeshäuptling zu handeln. Er richtete das Wort offensichtlich an uns, doch wir alle verstanden kein Wort. Mit Zeichensprache konnten wir ihm dies verständlich machen und so winkte er einen der Dörfler nach vorn, der uns in überraschend gutem Französisch begrüßte.

Wer hätte gedacht, dass mein Schulfranzösisch mir noch einmal nützlich sein würde, und das auch noch in der afrikanischen Savanne? Ich berichtete, dass wir von Colonel Endicotts Safaricamp kamen und in eine Notlage geraten waren. Der Name des Colonels rief gemischte Reaktionen von Feindseligkeit bis Wohlwollen bei den Eingeborenen aus. Nachdem wir uns miteinander verständigt hatten, stellten sich die Boyoyava als ausgesprochen gastfreundlich heraus. Abgesehen davon, dass vor allem die neugierigen Kinder uns ständig berührten (vielleicht hatten einige noch nie zuvor Menschen mit weißer Haut gesehen?), fühlten wir uns vorerst sicher und willkommen. Während uns anderen ein klebrig-süßer, weißer Brei serviert wurde, führte eine Gruppe Frauen Charles in eine der Hütten, um seine Verletzungen zu versorgen. Als er kurz darauf wieder ins Sonnenlicht trat, hatte er schon wieder etwas mehr Farbe im Gesicht. Es stellte sich heraus, dass Raphael sehr gut mit Kindern umgehen konnte und wir anderen waren ihm dankbar, dass er uns die kleinen Quälgeister eine Weile vom Hals hielt.

Unser Dolmetscher schien ausgesprochen zufrieden mit seiner Rolle inmitten des Geschehens und gab uns bereitwillig Auskunft. Er stellte sich als Hanif vor und erzählte, dass er als Zeitungsjunge beim Nairobi Star Französisch gelernt hatte. Außerdem berichtete er, dass vor den Boyoyava böse Stämme hier gelebt hätten. Doch mehr als düstere Andeutungen auf alte Geschichten und Geister war nicht aus ihm herauszubekommen. Um mehr zu erfahren, beschlossen wir, um ein Gespräch mit dem Dorfheiler zu bitten. Doch zu einem Gespräch kam es gar nicht, denn bereits kurz nachdem wir in seine Hütte getreten waren, hüllte er diese in dichten Nebel, der unseren Sinnen offensichtlich einen Streich spielte. Erst dachte ich, die Müdigkeit hätte mich plötzlich übermannt und ich sei in einen tiefen Schlaf gefallen – doch kann es sein, dass mehrere Menschen auf einmal denselben Traum haben? Als wir nämlich wieder aus der Hütter herauswankten, stelle sich heraus, dass wir alle das gleiche gesehen hatten: Die Wände hatten sich aufgelöst und den Blick auf eine ausgestorbene Savanne freigelegt. Auf einem steinigen Feld tobte eine Schlacht zwischen Eingeborenen zweier Stämme, die einen äußerlich vollkommen normal, die anderen mit merkwürdig gräulicher Haut. Auf einmal war eine andere Szene erschienen: Eine Prozession ausgemergelter Schwarzer führten sechs Kinder in ihrer Mitte auf das steinige Feld. Die Erwachsenen stellten spärlich mit Lebensmitteln gefüllte Körbe auf dem Boden ab und ließen die Kinder zurück. Es war kaum mit anzusehen, wie die Kleinen versuchten, ihnen hinterherzulaufen, um doch wieder fortgejagt zu werden. Die nächste Szene zeigte die Kinder, die neben den leeren Körben in der Erde wühlten.

So plötzlich, wie die Illusion eingesetzt hatte, war sie auch wieder vorbei gewesen. Mit vernebelten Geistern versuchten wir, uns einen Reim auf die Szenen zu machen und fragten uns, wer so grausam sein könnte, Kinder in der Hitze der Savanne ihrem Schicksal zu überlassen. Wieso hatte der Medizinmann uns diese furchtbare Illusion gezeigt? Erzählte sie eine wahre Geschichte? Und wie sicher würden wir uns bei unseren Gastgebern in der kommenden Nacht fühlen, so freundlich sie uns bisher auch begegnet waren?

Zur Übersicht