Aug. 1925
Freitag
28

Im Namen des Prinzen: Hinterhalt und Reise nach Kusch - Tagebuch von Máire Flanagan

Wir mussten nicht lange warten, bis der Statthalter unser Versteck auf seinem Weg nach Kiszukhen passierte. Von weitem erkannten wir einen Treck aus vier von Ochsen gezogenen Karren, begleitet von etwa zwei Dutzend Kriegern. Die Männer des Thronverräters Nephren-Ka sahen jenen von Snofru auffällig ähnlich, sodass die Spitzel des Prinzen keine Probleme haben würden, zwischen ihren Feinden unentdeckt zu bleiben. Wortlos und mit ernsten Mienen passierte die Prozession den Hohlweg, über dem wir auf der Lauer lagen. Sebastian identifizierte den Statthalter auf Anhieb: „Die erkennt man an ihrem Gehabe, diese Leute“, meinte er trocken. Tatsächlich starrte der Mann, gekleidet in ein dunkles Gewand, das an die Robe eines Priesters erinnerte, hochmütig von seinem Karren herab. Wie geplant warteten wir bis zum Abend auf die Rückkehr des Trecks. Im warmen Licht der untergehenden Sonne ließen wir sie näher kommen, bis sie sich allesamt auf dem Hohlweg befanden. Dann löste Sebastian den Stock, der die schweren Geröllbrocken an der Felskante hielt. Mit lautem Getöse stürzte das Geröll zwölf Meter in die Tiefe und versperrte den Weg. Sofort gingen die Krieger in Kampfposition. Da schrie Charles auf Altägyptisch: „Für den Prinzen!“ und wir stürmten mit unseren Speeren und Bögen an die Felskante ins Blickfeld des Trecks. Gleichzeitig betraten Snofrus Männer mit erhobenen Waffen den Hohlweg. In Sekundenbruchteilen verwandelte sich der Abschnitt unter uns in ein Schlachtfeld, während wir mit mehr oder weniger Erfolg von oben auf die Krieger des Statthalters zielten.

Mitten im Getümmel entdeckte Tom mit seinen Adleraugen, dass der Statthalter hektisch in einer Kiste wühlte. Behände kletterte er nach unten und stürzte auf den Mann zu, um ihn an was auch immer er gerade vorhatte zu hindern. Sofort stellten sich unserem Gefährten zwei Krieger in den Weg. Kurz entschlossen rannte ich am Abgrund entlang und schleuderte meinen Speer mit aller Kraft auf die Krieger. Das zumindest war mein Plan. Auf einmal drehte sich die Welt vor meinen Augen, ich fiel – und landete unsanft auf dem staubigen Boden des Hohlwegs. Natürlich direkt zu Füßen meines Angriffsziels. Mit einem wütenden Schrei holte der Mann mit seinem Speer aus und stach nach mir. Es war wohl seine Überraschung darüber, dass ich ihm plötzlich komplett ausgeliefert war, die mir das Leben rettete, denn er schlug glatt daneben. Über das Knirschen des Speers auf dem Boden hörte ich Sebastian von oben schreien: „Oh nein, Máire!“ Vage nahm ich wahr, dass immer wieder Speere und Pfeile von oben herabregneten. Tom war ein paar Meter entfernt in einen Kampf verwickelt. Da rumste es neben mir gewaltig und erschrocken erkannte ich Sebastian. Offensichtlich wollte er mir nach meinem ungeschickten Fall zu Hilfe kommen, hatte jedoch selbst wenig Glück bei dem Abstieg und war abgerutscht. Wie in Trance richtete ich mich auf, zerrte mein altes Taschenmesser heraus und stach damit auf den Krieger vor mir ein. Doch der grinste nur hämisch und parierte meinen Schlag mit seinem Speer. Die scharfe Spitze kratzte schmerzhaft über meinen Oberschenkel. Matthew brüllte irgendetwas von oben. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass der Statthalter ein zylinderartiges Objekt auf Tom gerichtet hatte und diesen offenbar ins Taumeln brachte. Schon stach der Krieger wieder zu, ich wich ihm aus. Charles versuchte unterdessen, dem Statthalter das merkwürdige Ding aus der Hand zu schlagen, doch es misslang ihm. Neben mir hatte sich Sebastian aufgerappelt und schlug mit seinem Khopesh zu, durschnitt allerdings nicht Fleisch sondern Luft. Ich nutzte den Moment, in dem der Krieger auf Sebastian fokussiert war, und stach mit meinem Taschenmesser zu. Blut spritzte, als die Klinge das Auge des Mannes durchbohrte. Stöhnend ging er zu Boden. Sebastian starrte mich entgeistert an. So etwas lernen junge Mädchen wohl nur in Irland von ihren Vätern.

Der Fortgang unseres Kampfes an der Seite von Snofrus Männern ist in meiner Erinnerung ein Durcheinander aus klirrenden Waffen und unheimlich viel Blut. Lesley kletterte irgendwann ebenfalls hinunter und stürzte sich ins Getümmel. Charles gelang es, dem Statthalter seine zylinderförmige Waffe zu entwenden. Der Statthalter selbst hatte dann nicht mehr so viel Glück. Sebastian schlug ihm seinen Kopf glatt mit dem Khopesh vom Hals und stand danach schwer atmend und blutbespritzt, aber doch merklich stolz neben unserem toten Widersacher. Kurz darauf wurde es immer stiller auf dem Hohlweg, bis wir gemeinsam mit den Männern des Prinzen unseren Sieg feierten. „Das mit dem hippokratischen Eid ist manchmal so eine Sache“, bemerkte Sebastian, worauf Matthew erwiderte, er solle sich keine Gedanken machen, der Eid sei doch zu der Zeit, in der wir uns gerade befänden, noch gar nicht erfunden. Gelöst lachten wir anderen auf. Dann durchsuchten wir die Karren nach auffälligen Gegenständen, die mit schwarzer Magie in Verbindung stehen und damit für uns aufschlussreich sein könnten. Das zylinderförmige Objekt des Statthalters nahmen wir mit, ebenso seine merkwürdig geschwungene Kopfbedeckung von roter Farbe. Inzwischen hatte Charles den Kommandanten Ra-neb-nem ausfindig gemacht. Dieser schickte uns zurück nach Kiszukhen, um dem Prinzen zu berichten.

Als wir wieder in der Kaserne angekommen waren, verarztete Sebastian zunächst unsere vielzähligen Wunden. Der Prinz zeigte sich erfreut über unsere erfolgreiche Mission. Besonders der Zylinder weckte sein Interesse. Unerschrocken öffnete er die Kiste, in der wir diesen transportiert hatten, und zeigte uns das Grauen, das sich im Inneren des Zylinders verbarg: Ein gräulicher Kopf, aus dem Fasern wie Tentakel herauswaberten. Die Augen in dem ägyptisch wirkenden Gesicht waren geschlossen. Wir alle schauderten merklich, umso mehr, als der Prinz verkündete, er wolle das Objekt für seine eigenen Zwecke einsetzen. Auf unsere Bedenken ging er kaum ein und wir fanden uns vorerst damit ab, dass wir nur Besucher in dieser Zeit waren, wie Charles es ausdrückte. Auf dem Zylinder entdeckte Snofru außerdem eine Namensglyphe von Sutech. Der Prinz erklärte uns, dass dieser einen zwiegespaltenen Ruf genieße, da er mit verschiedenen Mächten in Verbindung stehe. Sutech selbst sei sehr mächtig, stünde in dem Ruf, seinen Bruder ermordet zu haben, aber auch für gute Ernten bei den Bauern gesorgt zu haben. Es schien für Snofru von großer Bedeutung, etwas über das Artefakt und seinen ursprünglichen Besitzer in Erfahrung zu bringen.

So brachen wir mit dem Prinzen und einigen seiner Männer auf nach Kusch, wo Sutech sich aufhalten sollte. Zwei Monate lang führten sie uns durch die Steppe, vorbei an Dörfern und beeindruckenden Landschaften. Wir alle nutzen die langen Stunden der Reise, um etwas Altägyptisch zu lernen. Inzwischen scheint mir diese Zeit beinahe realer als die 1920er Jahre, aus denen wir stammen. Dennoch wird mein Verstand nicht müde, mich an die Unmöglichkeit unseres Abenteuers zu erinnern. Ich frage mich, wie viel Zeit wohl vergangen sein wird, wenn wir eines Tages zurückkehren. Können wir den Zeitpunkt unserer Rückkehr überhaupt mitbestimmen? Und was erwartet der afrikanische Stammeszauberer Bhundari von uns, der uns immerhin genau hierher geschickt hat?

Schließlich kamen wir in einem Dorf im Nilgebiet an. Die typischen Lehmhütten waren rund um einen höher gelegenen Tempel erbaut worden, der deutliche Spuren eines Brandes aufwies. Snofru schlussfolgerte, dass Sutech anscheinend nicht mehr hier weilte, vielleicht wurde er angegriffen? Wir beschlossen, den Tempel im Schutz der Nacht genauer unter die Lupe zu nehmen. Mit improvisierten Flößen aus Papyrus überquerten wir den Nil ohne große Zwischenfälle. Als wir an der sanften Böschung unterhalb des Dorfes an Land gegangen waren, hörten wir plötzlich ein leises Zischeln zwischen den Papyrusstauden vor uns – eine Schlange? Der Prinz legte nur einen Finger an die Lippen und bedeutete uns, ihm zu folgen. Ich passte ganz besonders auf, wohin ich meine Füße setzte und erwartete jeden Moment, spitze Zähne zu spüren, die sich in meine Haut bohrten. Jedoch gelangten wir unbescholten zu den Lehmhütten. In einigen flackerte noch Licht. Auf leisen Sohlen schlichen wir außen um das Dorf herum. Auf einmal lösten sich zwei dunkle Gestalten aus der Dunkelheit und kamen direkt auf uns zu. „Da ist doch was“, sprach eine Männerstimme. Wir kauerten uns im Schutz einer Hütte zusammen und versuchten, uns unsichtbar zu machen, doch vergeblich, sie hatten uns entdeckt. Zu unser aller Glück war Tom um sie herum geschlichen und knallte mit einer schnellen Handbewegung ihre Köpfe aneinander. Der eine brach zusammen, doch der andere drehte sich um und verpasste Tom einen Schlag. Matthew versuchte noch, ihn zu packen, da schrie der Mann schon auf. Auch Sebastian stürmte nach vorne und gemeinsam gelang es meinen Gefährten, auch den zweiten Mann zu überwältigen. Wir zogen sie in den Schatten einer Hütte, dann fesselte und knebelte Tom sie fachmännisch. Mir taten sie ganz schön leid, aber was sonst hätten wir tun sollen? Wir wussten nicht, wer von den Dorfbewohnern möglicherweise auf der Seite Nephren-Kas stand und konnten einen Aufruhr nicht riskieren. Tatsächlich erreichten wir kurz später den Tempel, ohne auf weitere Fremde zu treffen.

Das Dach des imposanten Gebäudes war größtenteils eingestürzt und der Mond schien hell in jener Nacht, sodass wir gute Sicht hatten. Es schien, als sei seit dem Brand bereits einige Zeit vergangen. Durch große Löcher, die in den Wänden klafften, stiegen wir ins Innere des Tempels und begannen, ihn zu durchsuchen. Matthew fand eine Kiste aus ähnlichem Material wie jene, die wir gefunden hatten, auf der Sutechs Name stand. Der grausige Kopf fehlte allerdings. An einem Altar, der eher wie ein großer Arbeitstisch wirkte, entdeckten wir Kratzspuren sowie Rückstände von gräulich-grüner Farbe. Schaudernd bemerkte ich die Ähnlichkeit der Farbe mit jener des Kopfes, den Snofru uns im Inneren des Zylinders gezeigt hatte. Sebastian wiederum fand drei kleine Instrumente, die er als stählerne chirurgische Hilfsmittel identifizierte, allerdings keineswegs in diese Zeit gehörten. Auch fielen uns Fußspuren in der Asche auf dem Boden auf – hier wurde wohl schon einmal etwas gesucht. In einer Ecke fiel mein Blick auf einen kleinen, vom Mondlicht beschienenen kupfernen Anhänger. Sebastian erkannte das Symbol darauf sofort – es war jenes des schwarzen Pharaos Nephren-Ka. Seine Männer waren vor uns hier gewesen. Ob sie gefunden hatten, wonach sie suchten?

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