Aug. 1925
Sonntag
30

Zwei neue Verbündete - Tagebuch von Máire Flanagan

Es war tiefste Nacht in Khas-de-Enet, als wir den Tempel verließen und nach weiteren Hinweisen auf die Ursache der Verwüstung suchten. Wir entdeckten einen auf dunklem Granit errichteten Rundbau mit sieben glatten Steinsäulen, die hoch in den sternklaren Himmel ragten. Auch dieses einst prächtige Monument war stark von dem Brand beschädigt worden. Erneut stießen wir auf besorgniserregende Kratzspuren, die von einer unwahrscheinlich großen Hand im Stein hinterlassen worden waren. Nachdem wir alles gründlich untersucht hatten, kehrten wir in unser Lager am anderen Nilufer zurück. Dort erklärten wir Prinz Snofru, dass Sutech offensichtlich nicht mehr in Khas-de-Enet weilte und Nephren-Kas Schergen bereits vor uns nach ihm gesucht hatten.

Am nächsten Morgen besuchten wir das Dorf noch einmal im Tageslicht, um Näheres über den Brand in Erfahrung zu bringen. Zur Tarnung verkleideten wir uns als Händler. Gehüllt in unsere angenehm leichten Gewänder beluden wir ein Schilfboot mit unseren Alibi-Waren. Die Metallvasen und Gefäße wären in unserer Zeit bestimmt ein kleines Vermögen wert, wie ich aus Charles‘ glänzenden Augen zu lesen glaubte. Dann setzten wir über, doch das Wasser war unerwartet reißend und unsere Begabung in der Bootsführung bescheiden, sodass wir erst nach zwei Stunden vollkommen erschöpft und durchnässt auf der anderen Uferseite ankamen. Unter den Dorfbewohnern blickte ich mich immer wieder besorgt nach den beiden Pechvögeln um, die wir in der vergangenen Nacht überwältigt hatten. Glücklicherweise entdeckte ich niemanden mit einer Beule an der Stirn und keiner schien uns wiederzuerkennen, obwohl wir durch unsere größtenteils helle Hautfarbe offensichtlich auffielen. Schon bald waren wir von einer Schar neugieriger Kinder umringt, die uns zu einem freien Feld südlich des Dorfes begleiteten, an dem wir den Marktplatz vermuteten. Die Fläche war von einer Reihe repräsentativ wirkender Häuser umgeben. Gerade trug Charles unseren kleinen Bewunderern auf, ihre Eltern herbeizuholen, da kam ein grimmig dreinblickender Soldat auf uns zu und verscheuchte die Kinder. „Was habt ihr anzubieten? Woher kommt ihr?“, dolmetschte Charles für uns. Er behauptete, wir kämen von dem Handelsposten Ep-Kehtis und präsentierte dem Mann mit dem frettchenartigen Gesicht unsere Waren. Gierig leuchteten dessen Augen auf und er forderte uns auf, ihm in eines der größeren Häuser zu folgen. Widerwillig betraten wir die verschwenderisch eingerichteten Räume, war uns doch nicht entgangen, dass das Frettchen und seine Gefolgsleute das Zeichen des Schwarzen Pharao trugen.

„Verdammte Korruption!“, fluchte Matthew wenig später, während wir die verbleibenden Waren auf dem Platz ausbreiteten. Die Soldaten hatten uns die kostbarsten Stücke abgeknöpft und als Steuern deklariert. Immerhin war unsere Tarnung nicht aufgeflogen. „Kommen Sie, schauen Sie!“, lockte Charles die Dorfbewohner. Tatsächlich ging unser Plan auf und wir erfuhren, dass der Tempel vor etwa zwei Monaten niedergebrannt worden war. Einer unserer Kunden erinnerte sich an lautes Brüllen und Geschrei mitten in der Nacht, kurz bevor das Feuer ausgebrochen war. Seitdem war Sutech verschwunden. Die Männer des Schwarzen Pharao hingegen waren erst vor zwei bis drei Wochen aufgetaucht und hatten die Tempel-Ruine gründlich durchsucht. Dann hatten sie sich im Dorf breitgemacht, die Einwohner hatten sich anscheinend mit deren Steuerpolitik und kleineren Schikanen abgefunden.

Bereits seit einiger Zeit sind meine Gefährten und ich nun alltäglich von einer Sprache umgeben, die wir bestenfalls mäßig beherrschen (mit Ausnahme natürlich von Charles). Somit fuhren wir alle gehörig zusammen, als wir eine fremde Stimme vernahmen, die uns auf Englisch ansprach. Verwirrt glotzten wir den Mann an, dessen Aussehen auf eine südländische Herkunft schließen ließ. „Wie ich sehe, sind Sie verwundert. Sie sollten Ihre Überraschung besser überspielen.“ Schnell wickelten wir unsere laufenden Tauschgeschäfte gegen Naturalien und einige Ziegen ab. Dann folgten wir dem Fremden zu seinem kleinen Haus am Rande des Dorfes. Er stellte sich als Schreiber namens Sheri vor und schien hoch erfreut, andere Menschen gefunden zu haben, die ebenfalls nicht in diese Zeit gehörten. Nachdem wir alle unser Misstrauen überwunden hatten, stellte sich heraus, dass sein wahrer Name Andrew war. Er kam aus New York – und zwar aus dem Jahr 1919. Tatsächlich war er Teil der Carlisle-Expedition gewesen; über den Verbleib seiner Gefährten schwieg er jedoch beharrlich. Es kostete uns einige Überwindung, ihm von den grausigen Leichenfunden der Träger der Expedition zu berichten und ihm zu erklären, dass Rodger Carlisle im Jahr 1925 als verschollen galt.

Schnell waren wir uns einig, dass Andrew uns begleiten sollte. Er konnte uns helfen, die Rätsel zu lösen, wegen denen wir hier waren, und Snofru zu unterstützen. Andrew wiederum hoffte, mit uns in die Gegenwart zurückkehren zu können, sobald wir unsere Aufgabe erfüllt hatten. Wann das sein würde, war uns selbst allerdings nach wie vor unklar. Unser neuer Gefährte beauftragte einen ihm gut bekannten Fährmann, uns auf die andere Nilseite überzusetzen, er selbst wollte erst am nächsten Tag nachkommen. Der gute Mann scheint etwas paranoid – immer wieder ermahnte er uns, nach Verfolgern Ausschau zu halten und uns unauffällig zu verhalten. Er wird wohl seine Gründe dafür haben. In unserem Lager trafen wir den Prinzen inmitten seiner Männer sitzend an. „Es scheint wohl eine dritte Macht im Bunde zu sein, die für die Zerstörung des Tempels verantwortlich ist“, meinte dieser nachdenklich, als er unseren Bericht gehört hatte. An unserem neuen Verbündeten schien er hoch interessiert.

Morgens lamentierten wir zunächst ausführlich die mangelnde Koffein- und Alkoholzufuhr in den letzten Wochen. Was gäben wir nicht für eine dampfende Tasse Kaffee oder einen ordentlichen Schluck Cognac oder Whiskey! In der Mittagszeit stieß Andrew zu uns und wir machten ihn mit dem Prinzen bekannt. Er bestätigte die Erkenntnisse, die wir bereits aus den Gesprächen mit den Einwohnern gewonnen hatten. Außerdem erzählte er von einer Frau namens Aset, die nach Sutech gesucht habe. Da wurde Snofru hellhörig und beauftragte uns, diese Frau zu ihm zu bringen. So brachen Tom, Sebastian und Andrew erneut ins Dorf auf. Einige Stunden später kehrten sie in Begleitung einer hochgewachsenen Frau zurück, die würdevoll auf den Prinzen zuschritt. Sie erklärte, dass es auch ihr Ansinnen sei, den Schwarzen Pharao zu stürzen, jedoch könne sie nicht offen gegen ihn vorgehen. Während sie die Kontur eines Sarkophags mit der Hand in den Sand zeichnete, behauptete sie, dass sie und Sutech aus einem anderen, untergangenen Kontinent stammten. Dort schienen Dinge möglich, die wir nicht einmal zu träumen wagten. Auf einmal wurde ihre Stimme wuterfüllt – man habe ihrem Ehemann Schlimmes angetan, er sei weder tot noch lebendig. Wir sollten ihr dabei helfen, seinen Körper zu finden. Die Dorfbewohner konnten ihr nicht helfen, der frettchengesichtige Soldat namens Senah, dessen unangenehme Bekanntschaft wir bereits gemacht hatten, vielleicht schon.

Also heckten wir einen Plan aus: Sebastian stellte aus verschiedenen Pflanzen eine Substanz mit einschläfernder Wirkung her. Diese wollten wir den übrigen Soldaten in einer Schenke unterjubeln, um uns freien Weg zu Senah zu verschaffen. Aset schien sich gut mit der Wirtin zu verstehen, denn diese nahm das kleine Fläschchen mit Freuden entgegen. Am Abend wurden wir alle von einem inzwischen gehörig genervten Soldaten Snofrus erneut zum Dorf übergesetzt. Dann ging alles gewaltig schief. Um Senahs Männer in die Schenke zu locken, behauptete Charles, dort warte jemand auf sie, der ihnen äußerst kostbare Teppiche verkaufen könne. Die Männer waren binnen Sekunden fuchsteufelswild – wer wagte es, ihre Steuern zu umgehen? Ob wir dreckige Schmuggler seien?! Ihre Gier trieb sie immerhin sofort zu der Schenke, doch als sie feststellten, dass dort keine Teppiche auf sie warteten, wurden sie nur noch wütender. Sie verschreckten mit ihrem Toben einen Großteil der Kunden. Charles versuchte, sie zu beruhigen und versprach ihnen Bier, bis der Teppichhändler käme. Zum Glück waren sie dem Alkohol sehr angetan – „das Beste der Wirtin“, wie Aset behauptete – und es dauerte nicht lange, da sanken ihre Köpfe auf die Tisch und sie begannen, laut zu schnarchen. „Das solltet ihr noch üben“, meinte Aset trocken, als wir die Schenke eilig verließen. (Matthew ließ es sich nicht nehmen, einem der Männer im Vorbeigehen einen ordentlichen Tritt zu verpassen.)

In Senahs Haus trafen wir zunächst auf zwei Männer, die im Eingangsbereich Würfel spielten. Als sie uns sahen, sprangen sie sofort auf. „Was wollt ihr denn hier?“, brüllte der eine. „Ähm, eure Kumpane trinken alles ohne euch weg…“, versuchte es einer von uns. „Wollt ihr uns etwa zum Narren halten?“ – der Mann griff nach seiner Waffe. Es krachte und klirrte, der Mann ging zu Boden. Aset hatte ihm beherzt einen Bierkrug über den Kopf gezogen. Sebastian schlug den anderen nieder. Da stand Senah auf einmal vor uns und glotzte uns mit großen Augen an. Aset sprang sofort auf ihn zu und drückte ihn zu Boden. „Wo ist mein Mann?“, fauchte sie. Das Frettchen antwortete in schnellen Worten, die ich nicht verstand. Da ließ Aset ihn auch schon los, wandte sich um und rief uns zu: „Kommt!“

Wir ließen Senah und seine Schergen zurück und eilten der großen Frau in Richtung der nahegelegenen Hügel hinterher. Aus der Ferne erkannte ich drei Männer, die vor einer Tür in der Felswand saßen. Aset rannte schnurstracks auf sie zu – und wir hinterdrein.

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