Okt. 1925
Freitag
16

Der kopflose Ehemann - Tagebuch von Máire Flanagan

Die drei Wachen hatten ihre sichelförmigen Schwerter schon gezückt, als wir in Asets Schlepptau bei ihnen ankamen. Tom bohrte einem der Männer sein Bowiemesser direkt in den Kopf, doch wir anderen stellten uns furchtbar ungeschickt an. Weder Matthews bronzener Dolch, Charles‘ Speer noch Sebastians oder mein Khopesh richteten Schaden an. Nicht einmal Rosie konnte mit ihrer Peitsche punkten. Am liebsten wäre ich im Boden versunken, als Aset uns das zweite Mal binnen weniger Stunden die Haut rettete. Zu allem Unheil wurde sie auch noch verwundet, weil sie sich natürlich nicht zwei Gegnern gleichzeitig stellen konnte. Glücklicherweise stellten sich Sebastian und Rosie beim zweiten Anlauf deutlich geschickter an – der Arzt schlug beherzt mit der Faust zu und Rosie triumphierte mit ihrer geliebten Peitsche.

Auf einmal war es still vor dem Höhleneingang, nur unser schweres Atmen war noch zu hören. Entsetzt bemerkte ich, dass der Mann, den Aset mit ihrem unterarmlangen Stab erwischt hatte, wie wild zuckte und Schaum vor dem Mund hatte. Sie schien das wenig zu stören – erst verband sie sich selbst mit einem Stofffetzen von ihrem Gewand, dann stieg sie forsch über ihr Opfer hinweg und betrat uns voraus die Höhle. Im Licht der Öllampen, die wir von draußen mitgenommen hatten, offenbarte sich uns eine mit allerhand Kostbarkeiten gefüllte, geräumige Kammer. Auf dem Boden verstreut lagen Gefäße, Statuen und Schmuck, doch Aset hatte nur Augen für den großen Sarkophag. Er bestand aus angelaufenem Gold und war reich verziert, mehrere komplex wirkende Schlösser hielten ihn verschlossen. Die hochgewachsene Frau machte sich sofort daran zu schaffen und Rosie eilte ihr zu Hilfe. Kurz später war ein Klicken zu vernehmen, nur das letzte Schloss stemmten die Männer mit vereinten Kräften auf. Im Inneren des Sarkophags lag eine Mumie, die noch nicht besonders alt aussah, allerdings fehlte ihr der Kopf. Ich erwartete, dass Aset sogleich in Wehklagen ausbrechen würde, doch tatsächlich schien es sie überhaupt nicht zu stören, dass ihr Ehemann keinen Kopf mehr hatte. Während wir den leblosen Körper auf einer improvisierten Trage ins Dorf trugen, erklärte sie uns, dass sie erleichtert sei, nun einen Großteil des Körpers geborgen zu haben. Die Zellen seien in eine Starre versetzt worden und könnten jederzeit wieder aktiviert werden. Gebannt lauschten wir, als sie erzählte, dass sie und ihr Mann aus einer uralten Zivilisation stammten, die vor mehreren tausend Jahren untergegangen sei. Nun, vielleicht legte man damals nicht so viel Wert auf Köpfe, dachte ich.

In Asets Haus betteten wir den Körper auf einen Tisch, während sie fremdartige Instrumente und Amulette hervorholte. Dann schnitt sie die Binden nach und nach ab, bis sich uns ein grauenerregender Anblick bot: Tentakel ragten aus dem Leichnam hervor. Ich schluckte, als ich sah, wie sich die vermeintlich tote Brust hob und senkte. „Da, wo ich herkomme, beherrschen die Heiler ihr Handwerk“, verkündete Aset herablassend. Sebastian hingegen trat einen Schritt zurück. Wer könnte es ihm verübeln? Jedoch erwähnte er den grünlichen Kopf in dem Zylinder, den wir Snofru als Beute aus unserem Hinterhalt übergeben hatten. Aset wurde sofort hellhörig und verlangte, dass wir ihr den Kopf aushändigten. So brachen Charles, Matthew und Tom auf ins Lager des Prinzen. Später berichteten sie uns, dass es nicht leicht gewesen war, ihn zu überzeugen, seinen vermeintlichen Trumpf herauszurücken. Trotzdem kehrten die drei wenig später in Begleitung zweier Soldaten mit dem Kopf zurück. Andächtig nahm Aset den merkwürdigen Zylinder entgegen und öffnete die Abdeckung auf der Unterseite. Eine undefinierbare Flüssigkeit schwappte heraus und ich sprang schnell zur Seite, bevor das eklige Zeug meine Schuhe durchweichen konnte. Mit Sebastians Hilfe nähte sie den Kopf ohne viel Federlesen am Hals fest. Danach verkündete sie: „Nun muss ich mich an eine Macht wenden, die ich nicht gerne anrufe.“ Offensichtlich wollte sie eine Art Geisterbeschwörung abhalten. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, sie zu dem Rundbau neben dem Tempel zu begleiten, an dem sie das Ritual durchführen wollte.

Aus dem Dorf müssen wir einen unheimlichen Anblick geboten haben, als wir den Körper schweigend im Mondlicht den Hügel hinauftrugen. Oben angekommen, breitete Aset ihre Utensilien aus und warnte uns, dass auch unerwünschte Wesen bei dem Ritual Gestalt annehmen könnten. Bald schon bildete sich dichter Nebel um unsere Knöchel und ein seltsamer Geruch stieg uns in die Nasen. Das Sternenlicht schwand, ein tiefes Grollen kam wie aus weiter Ferne. Dann war es auf einmal da: Ein spinnenartiges Wesen, unnatürlich groß, das sich schnurstracks aus Charles stürzte. Der ließ sich auf den Boden fallen und ich dachte: „Ist er von allen guten Geistern verlassen?“ Schon war die Spinne direkt über ihm, doch sie spießte sich selbst auf Charles‘ ausgestrecktem Speer auf und rollte uns anderen leblos vor die Füße. Plötzlich zuckten Blitze um das steinerne Rund und eine hundeköpfige Fratze tauchte aus dem Nebel auf. Mit dunkler, furchterregend durchdringender Stimme sprach sie zu Aset, die in einem Tonfall zwischen gebieterisch und flehentlich antwortete. Dann senkte sich eine Gestalt über den aufgebahrten Körper, woraufhin dieser sich langsam erhob. Aset stürzte freudig auf ihren Mann zu. Nachdem die beiden uns eine ganze Weile ignoriert und wir erschöpft im Gras sitzend gewartet hatten, stellte sie ihn uns als Ausare vor. „Ich schulde euch einiges“, sagte der Mann mit der noch immer ungesund grünlichen Hautfarbe. Die beiden wollte uns und dem Prinzen im Kampf gegen Nephren-Ka beistehen. Bevor wir Snofrus Lager aufsuchten, schenkte Ausare uns zwei ungewöhnliche Ketten, die uns helfen sollten, in fremden Sprachen zu kommunizieren. Wir nahmen diese dankend an.

„Und, wo habt ihr meinen Kopf?“, fragte der Prinz in seiner ungeduldigen Art, kaum waren wir in sein Zelt getreten. „Junger Freund, Ihr sprecht hier von meinem Kopf“, erwiderte Ausare tadelnd. „Aber wir sind hier, um Euch zu helfen.“ Mit großen Augen starrte Snofru den Auferstandenen an und ließ sich schwer in einem Stuhl fallen. Kurze Zeit später hielten wir Kriegsrat, natürlich unter Beteiligung des Kommandanten Ra-neb-nem. Wir beschlossen, zum Palast nach Memphis zur reisen, in dem der Schwarze Pharao unrechtmäßig residierte. Ausare und Aset boten an, unseren Widersacher mit einem Zauber zu schwächen, namentlich „Das Auge von Licht und Dunkelheit“. Es handle sich um ein sperriges Ritual, jedoch könnten wir Nephren-Ka damit einsperren und handlungsunfähig machen.

Nach mehreren Wochen verregneter Reise kamen wir in der Sommerresidenz des Königs nahe Memphis an. In dem großen Lehmhaus mit Blick auf ein großes Gräberfeld richteten wir uns notdürftig ein. Dann bereitete das wieder vereinte Ehepaar „Das Auge“ vor, ein pyramidenförmiges Ding aus rotem Marmor von etwa einem halben Meter Höhe. Meine Gefährten und ich beratschlagten unterdessen, wie wir Nephren-Ka aus dem Palast heraus zu uns locken könnten. Keine leichte Aufgabe, denn der wahnsinnige Geisteszustand des Thronverräters machte ihn unberechenbar. Jede einzelne unserer Optionen barg ein kaum zu verantwortendes Risiko: Würden wir durch einen der Geheimgänge in den Palast eindringen, kämen wir kaum lebendig wieder heraus; würden wir Nephren-Ka zu uns locken, brächte er höchstwahrscheinlich eine große Armee mit, der wir auch mit Hilfe des guten Dutzend Soldaten des Prinzen nicht gewachsen wären. Die beste Möglichkeit schien uns, in Memphis das Gerücht zu streuen, dass Snofru in den Katakomben nahe der Sommerresidenz die wichtigsten Köpfe seines Widerstandes um sich versammelte. Würde Nephren-Ka sich die Chance entgehen lassen, den Prinzen eigenhändig zu erschlagen? Gleichzeitig konnten wir die übernatürliche Macht des Verrückten bisher kaum einschätzen. Somit beschlossen wir, erst einmal etwas mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.

Zuerst kundschafteten wir im Schutz der Nacht die andere Seite des Hügels aus, der sich neben unserem Versteck erhob. Dort ließ Nephren-Ka laut Auskunft eines Spähers des Prinzen einen Tempel errichten. Tatsächlich konnten wir eine große Baustelle ausmachen, die von einer etwa zehn Meter hohen Staue im Rohbau dominiert wurde. Es handle sich um Nephren-Ka in seiner wahren Gestalt, meinte Sebastian schaudernd. Neben der Baustelle befand sich ein Lager, in dem mehrere Dutzend Arbeiter offenbar eingesperrt worden waren. Wir zählten sechs Wachen. Schnell fassten wir einen Entschluss: Wir wollen die Statue nachhaltig demolieren und so Zorn, aber auch Neugier beim Schwarzen Pharao wecken. Gleichzeitig wollen wir in der Stadt verbreiten, dass Snofru sich ganz in der Nähe aufhält. Zurück im Lager, stieß unser Plan auf die Zustimmung unserer Verbündeten. Aset war hellauf begeistert von Rosies letzter Stange Dynamit und schlug vor, den Angriff auf die Statue wie einen Zauber aussehen zu lassen. Wir alle können es kaum erwarten, endlich mal wieder etwas in die Luft zu jagen.

Zur Übersicht